2021 4.2 Von Blokken nach Risøyhamn

Detailbericht

Dienstag, den 05.10.2021:
Blokken nach Risøyhamn

Die Nacht ist unruhig. Der Südwind treibt Regenwolken mit starken Böen über die Berge, Barrabas wird durchgeschüttelt und wir mit. Die stärksten Böhen lassen den Windgenerator aufheulen und treiben ihn in eine Räsonanzfrequenz, die den ganzen Heckaufbau beängstigend vibrieren und brummen lässt. Das haben wir bisher so nicht erlebt. Den Windgenerator müssen wir bei Starkwind in Zukunft unbedingt festbinden! Läuft er unrund? Prüfen!

Nach der unruhigen Nacht kommen wir nur mühsam in Gang. Wir hatten gestern alle verfügbaren Fender ausgebracht, um Barrabas vor dem maroden Schwimmsteg mit seinen vorstehenden Beschlägen zu schützen. Wie es aussieht, ist uns das auch gelungen. Die wenigen Rostspuren am Rumpf können wir verkraften und den Rost einfach abwischen.

Verschlafen legen wir ab. Überraschenderweise regnet es gerade nicht und ist fast windstill. Die Verhältnisse in Blokken sind merkwürdig. Bei der starken Südwindlage, die wir die ganze Zeit haben, wechseln sich hier in der Bucht Windstille mit starken Fallwinden aus Süd und westlichen Winden ab. Uns hat es auch nicht die ganze Nacht auf den Steg gedrückt, obwohl wir das erwartet hatten. Von den Bergen wird der Südwind so abgelenkt, dass er hier hauptsächlich aus westlicher Richtung einfällt. Barrabas wurde in der Nacht immer wieder vom Steg weggezerrt und draufgedrückt. Deshalb war es so unruhig und deshalb sind wir so müde.

Das entspannte Ablegen verdanken wir einem Moment der Windstille. In der Bucht sind wir noch geschützt, gähnen und strecken uns nochmal. Ein Kaffee geht auch noch. Kaum aber haben wir die Bucht verlassen, packt uns eine kräftige Brise aus Süd und zieht uns nach Norden.

Das Wetter ist ähnlich wie gestern. Nur dass heute den ganzen Tag lang immer wieder Regenwolken mit starken Böen über uns hinweg fegen. Die Häufigkeit nimmt zwar ab, aber trocken werden wir bis zum Anlegen in Risøyhamn nicht mehr. Im Risøysund, der nach Norden in die nach Osten abknickende Risøyrenna führt, gibt es eine Engstelle. Genau hier kommt uns die Hurtigruten (Kong Harald) entgegen. Wie wir später erfahren, hatte sie wegen eines Defekts Verspätung. Eigentlich hätte sie die Risøyrenna zwischen 10:00 und 10:40 passieren sollen. In dieser Zeit soll man die Rinne nicht benutzen. Die Hurtigrute benötigt die volle Breite und hat natürlich Vorrang.

In Risøyhamn finden wir einen guten Platz, um Barrabas so festzumachen, dass der über Nacht zunehmende Wind sie nicht auf den Steg drücken wird. Beim Anlegen wird es schwierig, Barrabas gegen den Wind an den Steg zu ziehen. Mit vereinten Kräften schaffen wir es aber doch und bringen langen Leinen aus. Der Wind pfeift die ganze Nacht durch. Da Barrabas aber vom Steg weggedrückt wird, liegt sie einigermaßen ruhig. Dass wir den Generator festgebunden haben, spielt sicher auch eine Rolle.

Mittwoch, den 06.10.2021: Risøyhamn

Das Wetter lädt auch heute nicht dazu ein, draußen rumzustreifen. Wir lesen und schmieden Pläne für die nächsten Tage. Da wir noch vor dem Winter in Brønnøysund zurück sein wollen, macht es wohl keinen Sinn, wenn wir bis Tromsø weitersegeln. Das wäre mein Traumziel gewesen. Aber es dürfte zeitraubend sein, sich gegen den vorherrschenden Südwind bei kürzer werdenden Tagen, nach Süden zurückkämpfen zu müssen. So reift der Plan, am 7.10. nach Harstad rüber zu Segeln, was bei dem vorhergesagten Nordwind gehen sollte. Von dort werden wir dann einen Tagesausflug mit dem Hurtigbåt nach Tromsø machen. In Harstad gibt es einen Gästesteg direkt neben dem Hurtigbåt Kai. Die Verbindung mit Tromsø, morgens hin und abends zurück, ist geradezu ideal.

Als es am Nachmittag mal nicht mehr regnet, machen wir einen kurzen Spaziergang zum Hurtigruten Kai, begutachten den Kongesteinen gleich gegenüber, der zur Eröffnung der ausgebaggerten Risøyrenna durch König Haakon 1922 errichtet wurde und kehren in der Skomakersstua auf einen Kaffee und eine Waffel ein. Dabei erfahren wir einiges über den kleinen Ort Risøyhamn (siehe Wissenswertes und Geschichte und Geschichten).

Abfahrt 10:15
Ankunft 15:45
Luft 10°, 1002 mbar, bedeckt, Regenschauer, Wind S 3-5bft, in Böen 6bft
Distanz Gesamt Segel Motor
Tagesweg 25 24 1
Übertrag 350 277 73
Summe 375 301 74

Risøyhamn ist ein kleiner aber wichtiger Hafen im Süden der Insel Andøya. Zweimal am Tag legt die Hurtigruten an. Hier beginnt die ausgebaggerte Risøyrenna an, die Andøya vom Festland trennt und die Häfen mit der Hurtigrute verbindet. Die Risøyrenna versandet immer wieder und muss regelmäßig ausgebaggert werden. Sie ist sehr schmal und man sollte sie während der Durchfahrt der Hurtigruten wirklich meiden. Die Hurtigruten hat Vorrang. Man sollte auch die Gezeitenströmungen von 2-3kn beachten. Sie können in der schmalen Rinne kabbelig werden. Vorsicht!

Hurtigruten in der Risøyrenna: 10:00 – 10:40  <=== überprüfen!

Der Gästesteg ist neu und macht einen guten Eindruck. Sanitäre Einrichtungen haben wir hier im Oktober auf Anhieb nicht gefunden. Wir brauchten sie auch nicht. Und in der Saison mag die Situation eine andere sein. Wie überall in Nordnorwegen sollte man einfach fragen, dann wird einem geholfen. Direkt am Steg gibt es einen Joker-Supermarkt mit Kaffee. Hier bezahlt man auch die Liegegebühren.

Liegegebühren: Zahlbar mit VIPPs oder im Joker-Supermarkt
alle Boote 200 kr   Waschmaschine  
      Trockner  
Strom inklusiv   Dusche  

Risyøhamn

Risøyhamn ist ein kleiner Ort auf halbem Weg zwischen dem kommunalen Zentrum Andenes und dem regionalen Zentrum Sortland. Der Ort ist ein Verkehrsknotenpunkt. Er hat eine gute Busverbindung und die Hurtigruten macht zweimal täglich fest. Risøyhamn ist die kleinste Anlaufstelle der Hurtigruten.

Die Flughäfen Andenes und Skagen sind 50 km bzw. 72 km von Risøyhamn entfernt.

Risoyhamn ist wunderschön gelegen, umgeben von Bergen am schmalen Risøysundet. Das Dorf liegt mitten in der Meerenge auf einer Halbinsel. Am weitesten südlich liegt die Halbinsel Hammarøya, in der Mitte Gammelhamn und im Norden Hamnhaugen.

Es gibt einen guten Naturhafen, der vor den Wellen des offenen Meeres geschützt ist. Möglichkeiten zum Freizeitangeln bieten der Andfjord und der Gavelfjord in der Nähe, beides fischreiche Gewässer. Aber auch in der Meerenge selbst kann man gut angeln. Sogar Heilbutt kann hier an Land gezogen werden.

Im Norden verläuft ein 4,8 km langer schlammiger Kanal namens Risøyrenna. Bevor die Rinne ausgebaggert wurde, konnte man bei Ebbe mit einem Pferd die Meerenge überqueren. Es war der Vater der Hurtigruten Richard With, der die Baggerarbeiten durchführen ließ. Er wohnte damals in Risøyhamn und erkannte die Notwendigkeit, die Meerenge auszubaggern, da die Schiffe immer auf die Flut warten mussten, bevor sie ihre Fahrt fortsetzen konnten.

Der Kanal wurde 1922 von König Haakon eröffnet. Eine entsprechende Inschrift befindet sich auf dem Kongestein, der neben dem Hurtigruten Kai steht. Der Stein hat Inschriften von 3 verschiedenen Königen. Die Risøyrenna versandet immer wieder und muss in bestimmten Abständen ausgebaggert werden. Die Ursache dafür sind starke Gezeitenströmungen. Die Geschwindigkeit durch die Meerenge beträgt etwa 2-3 Knoten.

Die fährfreie Festlandverbindung von Andøya wird durch die 750 m lange Andøy-Brücke hergestellt, die den Risøysund zwischen Risøyhamn und Hinnøya überquert. Sie wurde 1974 eröffnet.

Nicht weit von Risøyhamn entfernt liegt das Naturschutzgebiet Risøysund. Das Reservat erstreckt sich über 5.000 Hektar und besteht aus wichtigen Feuchtgebieten, Strandbereichen und einer reichen Vogelwelt. Das Reservat hat den Status eines Ramsar-Gebiets, das nur Feuchtgebieten von internationaler Bedeutung zuerkannt wird.

In der Mitte des Dorfes befindet sich der dorfeigene Angelsee Kveldrovannet. Bei Kveldro findet man eine schöne Lavvo-Anlage (Freizeitanlage), die auf freiwilliger Basis (Dugnad) erbaut worden ist. Zur kostenlosen Nutzung stehen Grills, Feuerpfanne, Stellwänden und Bänken zur Verfügung. Einzige Bedingung ist, dass die Anlage so hinterlassen wird, wie man sie vorgefunden hat, oder noch aufgeräumter.

Auf Hammarøya sind alte Gebäude erhalten und zusammengetragen worden. Hier findet man Scheune, Kvithuset, Lensmannsgården und Børvågstua. Auch der Storefembøring  Håkon (alter Lastkahn) hat hier seinen Platz.

Weiter oben in Gammelhamn finden man den sehr gut erhaltenen Gammelgården mit seinen Scheunen und Nebengebäuden. Der älteste Teil von Gammelgården stammt wahrscheinlich aus dem Jahr 1710. In der gleichen Gegend befindet sich auch das alte Slipgebäude.

Risøyhamn ist eine kleine Siedlung mit einem starken Glauben an sich selbst. Der Geist des Dugnad (Dugnadsånd) existiert hier immer noch. Ein aktives Sportteam hat ein großartiges Stadion und Clubhaus gebaut. Das trägt dazu bei, die Existenz des Dorfes für neue Generationen zu sichern.

(Der Text stammt von einem Informationsblatt, das in der Skomakerstua ausgelegt war.)

Andøya

Andøya ist die zweitgrößte Insel Norwegens und die nördlichste Insel der Vesterålen. Die Gegend um Andøya war das einzige Gebiet in Skandinavien, dass während der letzten Eiszeit nicht von Gletschern bedeckt war. Dadurch konnten hier Vegetation und einige Tierarten überleben und sich von hier aus nach der Eiszeit wieder auf Skandinavien ausdehnen.

Am Nordzipfel der Insel liegt Andenes. Andenes ist bekannt für Whale watching, das in den Sommer- und vor allem in den Wintermonaten von hier aus täglich angeboten wird. Ausgangspunkt hierfür ist das in der Nähe des Leuchtturms gelegenen Norwegische Walzentrum mit Ausstellungs- und Vortragsangeboten zum Thema Wale.

Dugnad

Dugnad bezeichnet im Norwegischen einen unbezahlten, freiwilligen und gemeinschaftlich ausgeführten Arbeitseinsatz zum Wohle der Gesellschaft oder einer Einzelperson. Ein Dugnad wird meist im örtlichen Zusammenhang (oft im Rahmen einer Nachbarschaftshilfe), seltener auch regional oder national, geplant und durchgeführt. Der Begriff selbst gilt im Land als typisch norwegisch. 2004 wurde das Wort Dugnad zum norwegischen Nationalwort gekürt, zu dessen Wahl das norwegische Radio NRK im Rahmen der Rundfunkserie Typisk norsk aufgerufen hatte.

Dugnad hat eine lange Tradition. Seine Bedeutung hat sich im Laufe der Zeit gewandelt und der neuen Zeit angepasst. Wie lebendig der Begriff ist, erkennt man nicht zuletzt daran, dass seine Verwendung während der Corona-Pandemie heftig diskutiert wird. Siehe wikipedia.no oder wikipedia.de. Für Interessierte lohnt es sich, den norwegischen Wikipedia Eintrag zu lesen. Man kann ihn ggf. mit Goolge übersetzen.

Storefembøring  Håkon

Lavvoen / Lavvoanleg

Skomakerstua

Die Skomakerstua (Schuster Stube) in Risøyhamn wurde im März 2012 in Betrieb genommen. Der Name stammt vom ersten Besitzer des Gebäudes, dem Schuhmacher Karl Skjellfjord. Anfangs wohnte das Schuhmacherehepaar im Kvithuset im Museumsviertel. Hier betrieben er und sein Sohn eine kleine Werkstatt. Die Werkstatt befand sich wahrscheinlich in dem Raum, in dem heute die Sodamaschine steht, die aus der Fabrik von Andøy Mineralvand stammt und vom Bäcker Konrad Strand in Risøyhamn betrieben wurde. Aber das Ehepaar Olga und Karl, das aus Fornes bzw. Flakstad stammte, heiratete 1941 und wollte ein eigenes Haus haben. Sie müssen echte Optimisten gewesen sein und haben angefangen, ein neues Haus zu bauen, obwohl Risøyhamn noch besetzt war.

Nur einen Katzensprung vom neuen Haus entfernt verlief der Burmaveien. Die Straße führte zum Gewerbegebiet auf Hamarøya. Die Militärkaserne war einer der nächsten Nachbarn, sowohl mit Soldaten als auch mit Kriegsgefangenen. Bevor das Gebäude errichtet wurde, bestand das Gelände aus einem Teich, auf dem die Kinder im Winter Schlittschuh liefen. Im neuen Haus entstand eine neue Schusterwerkstatt, in der Schuhe hergestellt und repariert wurden. Das Ehepaar Skjellfjord starb Ende 1959/1960. Schließlich wurde das Haus von Jorunn und Ernst Pettersen übernommen. Ernst eröffnete im Keller des Gebäudes eine Bäckerei und einen kleinen Café-Verkauf. In den 70er Jahren wurde das Gebäude erweitert und deutlich vergrößert.

1979 hieß der Name Gjesteheimen, 9490 Risøyhamn, Telefonnummer 10. Es gab insgesamt 14 Betten. Ein Einzelzimmer kostete NOK 80 und ein Doppelzimmer NOK 120. Frühstück gab es für NOK 20 und Abendessen für NOK 80. Nach den 80/90er Jahren wurde der Betrieb von wechselnden Eigentümern geführt. Das Gebäude war für längere Zeiträume im Besitz der Bank mit anschließendem Verfall. In den Jahren 2001/2002 gab es eine Vereinbarung mit der norwegischen Küstenverwaltung, die dazu führte, dass sowohl innen als auch außen eine umfassende Modernisierung durchgeführt werden konnte.

2012 wurden Heidi und Sven Inge Andreassen die neuen Eigentümer und führten nun eine Neuaufwertung des Gebäudes durch. Der neue Name war Skomakerstua, die sich zu einem schönen und beliebten Treffpunkt in Risøyhamn entwickelt hat. Das Cafè beherbergt eine kleine Ausstellung mit vielen alten Gegenständen, zur Freude der Einwohner, Übernachtungsgäste und Touristen.

Andøya Space Center

Oder wo der gefährlichste Moment des Atomzeitalters
auf bayerische Raketen trifft

Im Nordwesten der Insel Andøya liegt das Andøya Space Center (Andøya Rakettskytefelt). Von hier werden Raketen zur Erforschung des Polarlichts und der Atmosphäre gestartet. Im Januar 1995 wurde von hier eine Rakete zur Erforschung des Polarlichts abgefeuert. Die russische Radarüberwachung interpretierte diesen Raketenstart als einen US-amerikanischen Atomwaffenangriff und schlug Alarm. In der Folge aktivierte der russische Präsitent Jelzin seinen Atomkoffer. Dies war vermutlich das einzige Mal, dass alle drei russischen Atomkoffer aktiviert wurden. Erst als die Forschungsrakete vor Spitzbergen ins Meer stürzte gab es Entwarnung. Die norwegische Regierung hatte zuvor 28 Staaten, darunter auch Russland, über den geplanten Raketenstart informiert. Die Information kam nur nicht bei den Radarbeobachtern an, die dann den Alarm auslösten (siehe auch Cold-War Doctrines Refuse to Die).

Seit 2021 wird im Andøya Space Center der Andøya Spaceport aufgebaut. Hier sind ab Ende 2022 die Starts der bayerischen Trägerrakete RFA One, der Rocket Factory Augsburg, geplant. Auch die Spectrum Rakete von Isar Aerospace aus Ottobrunn wird vermutlich vom Andøya Spaceport aus ihre Kleinst-Satelliten in die Erdumlaufbahn befördern.

Bleibt zu hoffen, dass der bayerische Ministerpräsident Söder, wenn er denn keinen direkten Draht zu Herrn Putin aufbauen kann, über die Außenministerin Bärbock Russen und Amerikaner von den Starts rechtzeitig vorher informiert und diese Information dann nicht in irgendeinem bürokratischen Dickicht hängen bleibt. 😉

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